NATURKINDERLADEN WIRD ZU SCHNEEKLEIDCHEN & HOSENROT

VON EINER VISION, NEUEN PFADEN UND EINER STADT IM WANDEL 

Meine Name ist Astrid Weih und ich betreibe gemeinsam mit Marianna Schröder den Ethical Fashion Store „Schneekleidchen & Hosenrot“.
Ich werde immer wieder gefragt warum ich als Volljuristin mein Leben dem Handel widme, was mich dazu bewogen hat, hier die Geschichte einmal aufzuschreiben. 

2004 habe ich mein erstes Kind bekommen und es war mir von Anfang an wichtig, dass mein Sohn so natürlich wie möglich aufwächst und dazu haben für mich das Tragen im Tragetuch, biologische Kleidung, Stoffwindeln, Stillen und all das was heute unter den Begriff “attachment parenting“ benannt wird, gezählt. Heute denken viele Eltern wie ich, doch 2004 gab es in ganz Thüringen keinen Laden, in dem ich alles was ich für mein Baby brauchte, hätte einkaufen können. Mein Ziel war, dies zu ändern. 

2005 war es dann soweit: ich eröffnete mit meinem 10 Monate alten Baby das erste Fachgeschäft für Babytragen, Stoffwindeln und ökologische Textilien für Babys und Kinder in Weimar. Einige Händler, Experten und Freunde, erklärten mir, dass mein Laden wirtschaftlich keinen Erfolg haben könne. Andere betrachteten mein Unterfangen belächelnd oder mit skeptischem Interesse. 

Eigentlich zu Recht, denn ich hatte weder Startkapital noch Erfahrung. Doch ich hatte eine Vision. 

Den Glauben an eine gute Sache, die Gewissheit, dass es eine große Chance ist, uns im Handel auf neue Wege zu begeben. Und den Wunsch, dass diese Erde auch für unsere Kinder noch ein guter Ort zum Leben ist. Ich wollte eine Plattform des Austauschs, der Beratung und einen Ort für alternative Angebote schaffen. 

Als Volljuristin hatte ich natürlich ein gewisses Grundverständnis von Marktwirtschaft, gesetzlichen Strukturen und bürokratischen Wegen, von daher fiel mir der Einstieg in den Einzelhandel formal und rational nicht schwer. Den Rest lernte ich im Tagesgeschäft und im Austausch mit anderen Unternehmern und Herstellern, mit einheimischen Mentoren wie Angela Hofmann vom GoAGoA-Laden, aber auch durch intensive Recherche. Der Markt war neu und Informationen nicht einfach zugänglich, darum war es für mich sehr wichtig an den Fachmessen teilzunehmen und intensive persönliche Kontakte zu Herstellern und anderen Händlern aufzubauen. Ein Netzwerk, welches es mir ermöglichte „gesund“ zu wachsen und mein Verständnis für wirtschaftliche und fachliche Zusammenhänge stark zu erweitern. 

Mit Ziegelsteinen und Brettern entstand die erste Ladeneinrichtung und durch verlängerte Zahlungsziele gaben mir viele Lieferanten die Chance quasi „mit nichts“ zu beginnen. Drei Jahre dauerte es bis der NATURKINDERLADEN erste grüne Zahlen schrieb. In dieser Zeit wurde ich zum 2. Mal Mutter und Job und Familie waren untrennbar miteinander verbunden. Der Kontakt zu den Weimarer Müttern war innig, die Nachfrage stieg und mit der Zeit bot ich so ziemlich alles an, was man für Babys und Kinder braucht. Im Unterschied zu herkömmlichen Läden, gab es jedoch im NATURKINDERLADEN WEIMAR konsequent nur Produkte aus ökologischen Materialien, die selbstverständlich auch fair gehandelt waren. Natürlich gab es immer wieder Fragen zum „warum“ oder Kommentare wie „das ist doch viel zu teuer“ und „wer weiß ob das wirklich bio ist“. Um dem zu begegnen, widmete ich mich neben einer konsequenten Sortimentsauswahl und den täglichen 2dos vor allem der Aufklärungsarbeit und Wissensverbreitung durch Gespräche und Veröffentlichungen im Internet und Zeitschriften, aber auch durch einen kostenlosen Buchverleih in meiner kleinen Ladenbibliothek. 

Nach 5 Jahren war der NATURKINDERLADEN als anerkannte Größe in Weimars Einzelhandelsbranche etabliert und die Fragen, kritischen Stimmen und Zweifler ließen merklich nach. Schon bald sollte sich zeigen, dass sich nicht nur mein Geschäft - entsprechend des sich wandelnden Bewusstseins - gut entwickeln sollte, sondern auch ein großer Impuls für die Weimarer Handelswelt gesetzt war. Es machten weitere Geschäfte auf und bestehende Geschäfte zogen nach. 

2010 traute sich Anja Mai, zunächst Kundin, dann Mitarbeiterin des Naturkinderladens den ersten Schuhladen für ökologische Kinderschuhe in Weimar zu eröffnen. Die Idee entstand, da im Naturkinderladen trotz steigender Nachfrage einfach zu wenig Platz für ein umfassendes nachhaltiges Schuhsortiment war und die Begeisterung für Schuhe sowie die Unternehmerpersönlichkeit von Anja Mai den Sprung in die Selbstständigkeit geradezu aufdrängten. Heute ist auch Anjas Geschäft: DER SCHUHLADEN mit fair gehandelten Schuhen für Jung und Alt, nicht mehr aus der Weimarer Einkaufslandschaft wegzudenken. 

Auch nahm Franziska Spindler in ihrem wunderschönen Laden „LIEBLINGSSTÜCKE“ in den folgenden Jahren nach und nach Bio Firmen ins Sortiment und führte als eine der ersten in Weimar die heute groß aufgestellte und bekannte Marke „Armed Angels“ ein. 

Mit ihr ließ sich auch Bettina Viertel, Betreiberin des durch seine kreative Ausstrahlung auffallenden Stores „SCHAUSCHAU“ von der Begeisterung für den fairen Handel anstecken und fokussierte ihr Portfolio von lokalem Modedesign auf die Leitworte Bio+Fair+Local. Die Firma Lanius ist eine der bekannten Marken, welcher sie in Weimar als erste eine Plattform bot.

Unter anderem auch inspiriert und erfahren durch ihre Mitarbeit im Naturkinderladen, wagte die bereits im Wellnessbereich handelnde Unternehmerin Gila Esser im Jahre 2014 den Sprung in den nachhaltigen Handel. Sie erweiterte das Sortiment ihrer damaligen "Energietankstelle" um fair gehandelte und ökologisch produzierte Yoga und Freizeit Kleidung. Im Herbst 2015 erschien ihre erste eigene Kollektion "Wild Tales" unter dem damaligen Label Suki-Organics. In einem weiteren Schritt verabschiedete sie sich 2016 überwiegend vom Wellnessbereich und setzte ausschließlich auf nachhaltige Textilien und Produkte.  Ihr Unternehmen wuchs in den letzten beiden Jahren zu einer erfreulichen Größe heran und bietet heute unter dem Namen „LOVEAFAIR“ ein Rundumsortiment für Erwachsene und Kinder an. 

2016 hatte sich Weimar, gut 11 Jahre nach der einst skeptisch betrachteten Gründung eines einzelnen ökologischen Fachgeschäftes, zum Geheimtipp für nachhaltiges Einkaufen in liebevoll inhabergeführten Läden entwickelt. 

Für mich war nach 12 Jahren Tätigkeit im stationären Einzelhandel der Zeitpunkt für eine Auszeit gekommen. Ich zog mich Anfang 2017 mit dem NATURKINDERLADEN ausschließlich ins online Geschäft zurück und bot die lokalen Geschäftsräume des NATURKINDERLADENS meiner Mitarbeiterin Kristin Engelhardt mit ihrer Freundin Katja Wolf zur Nachmiete an. 

Die mutigen Existenzgründerinnen eröffneten nahtlos am bekannten und etablierten Standort des NATURKINDERLADENS das ökologische Baby- und Kinderfachgeschäft „MATZ & MURKEL“ und wurden herzlich von Weimars Kundschaft aufgenommen.
Da waren es schon 5! 

Im Herbst 2018 ergab sich für mich die schöne Möglichkeit mit meiner Partnerin Marianna Madita Schröder und neuen größeren Geschäftsräumen wieder in die lokale Geschäftswelt Weimars zurückzukehren. Und diesmal nicht nur mit Kindersachen, sondern mit wunderschöner, nachhaltiger Kleidung für Alle. 

So bereichert unsere Boutique „SCHNEEKLEIDCHEN & HOSENROT“ seit September 2018 die Weimarer Nachhaltigkeitsszene um ein weiteres ökologisches Fachgeschäft. Mit der Boutique wollen wir ökologische, fair gehandelte Mode „salonfähig“ machen und auch Kunden erreichen und zum Nachdenken anregen, die  einfach nur schöne Kleidung wollen oder Tätigkeiten ausüben, bei denen es eine berufsethische Kleiderordnung gibt, bei der bio+fair noch nicht "normal" ist. Wir wollen bisher noch nicht so bekannte oder sehr spezialisierte Label bei der lokalen Marktpräsenz unterstützen, eine größere stilistische Auswahl anbieten und den Versuch unternehmen, die letzten Lücken in einem bereits reichhaltigen Weimarer Angebot an ethical fashion zu schließen.

Einige unserer Schwerpunkte sind daher: 

-eco fashion für Teenager,
-faire Buisiness Mode,
-Biokleidung für Veranstaltungen,
-Bio-Basics für jeden Tag und
-innovative Funktionskleidung.


Vor allem legen wir großen Wert auf den Anspruch eines Herstellers sich in punkto Material und Transportweg stetig weiterzuentwickeln. Denn die vermehrte Nutzung von regionalen Ressourcen und das Schaffen von lokalen Kreisläufen ist der nächste unumgängliche Schritt, der in der nachhaltigen Textilbranche an der Reihe ist. 

Ich bin stolz, dass nun in meiner Heimatstadt FAIRE KLEIDUNG in 6 WUNDERBAREN LÄDEN angeboten wird und dass es manchmal genügt eine Vision zu haben und einfach anzufangen, um einen großen Stein ins Rollen zu bringen.

Gemeinsam mit Biopionieren aus aller Welt und natürlich unseren großartigen Kunden haben wir uns auf eine hoffnungsvolle Reise in eine Welt begeben, in der Handels- und Produktionskreisläufe wieder gesünder sein sollen, in der BIO das NEUE NORMAL sein kann und man bei einem gemütlichen Bummel durch Weimars Altstadt fast soviel Auswahl an FAIRER KLEIDUNG hat wie in den Weiten des Internets, nur eben gewürzt mit einem Einkaufserlebnis der echten Begegnung, fachkundiger Beratung, mit persönlichem Austausch, mit Fühlen und Anfassen. 

Ich wünsche mir, dass viele Städte dem Weimarer Beispiel folgen und Menschen als Schöpfer, Unternehmer und Kunden weiterhin so mutig sind, auf zukunftsweisende Produkte und neue Arten des Handelns zu setzen. 

Weimar, 17. 11. 2018, Astrid Weih